Feuerwehreinsätze im Neckar-Odenwald-Kreis







Datum: Mittwoch, den 17.09.2003
Ort: Limbach
Einsatzart: Großbrand der katholischen Kirche
Alarmierungszeit: 12:56 Uhr
Einsatzende: Nachtwache
Einsatzkräfte / -fahrzeuge: FF Limbach: TLF16/25, LF8
FF Buchen: DLK23-12, ELW, KdoW
FF Mosbach DLK23-12, TLF16/25, ELW
Sonstige Einsatzkräfte: DRK SEG Limbach, DRK Mosbach mit Notarzt, Polizei

Ein Großbrand zerstörte am 17. September 2003 aus bislang ungeklärter Ursache die katholische Kirche Sankt Valentin in Limbach im Neckar-Odenwald-Kreis. Innerhalb kürzester Zeit entfachte das Feuer im Dachbereich eine außerordentliche Hitze, wodurch das Dach schlagartig einstürzte. Wie durch ein Wunder wurde bei dem Einsatz niemand verletzt. Außergewöhnlich ist hier sicherlich die Stahlkonstruktion des Zeltdaches, das in den sechziger Jahren errichtet und mit einer Zwischendecke aus Holz verkleidet wurde, wodurch das tragende 'Stahlskelett' nicht sichtbar war.

Gefährliche Bausubstanz: Die verdeckte Stahlkonstruktion des Zeltdaches
Erbaut wurde die barocke Kirche im 15. Jahrhundert, der wunderschöne Barockgiebel stammt aus dem Jahr 1717. Damals wurde das Kirchenschiff mit einem längsgerichteten Satteldach aus einer Holzkonstruktion mit Dachziegeln errichtet. In den sechziger Jahren wurde die Kirche aus Platzgründen umgebaut, wobei der markante Barockgiebel weiter nach hinten versetzt und die bestehenden Außenwände abgerissen wurden. Die neuen Außenwände wurden in einer sechseckigen Form angeordnet, wodurch die Kirche breiter wurde und mehr Menschen darin Platz fanden. Besondere Vorteile hatten die Kirchenbesucher nunmehr, da sie von allen Seiten freie Sicht auf den Altarraum hatten. Das Dach wurde in den Jahren 1963 bis 1964 mit einer Schieferdeckung fertiggestellt und erhielt die Form eines sechseckigen Zeltdaches. Damit die Dachkonstruktion der tonnenschweren Last der Schiefersteine standhalten konnte, wurde diese aus Stahlrohrträgern errichtet. Auf diesen tragenden Stahlrohren wurden Holzsparren aufgebracht und Dachpappe aufgelegt, worauf die Schiefersteine aufgesetzt wurden und das Zeltdach eine enorme Dichtheit erhielt. Im Innenraum der Kirche wurde das 'Stahlskelett' des Zeltdaches durch eine weitere Holzdecke verkleidet, was sich bei dem Großbrand als äußerst gefährlich und folgenschwer herausstellte.

Zum Einsatzablauf

Das Feuer breitete sich im Dachzwischenraum rasend schnell aus
Um 12.56 Uhr wurde die Freiwillige Feuerwehr Limbach durch die gemeinsame Rettungsleitstelle in Mosbach alarmiert und war bereits um 13.02 Uhr mit dem Tanklöschfahrzeug TLF16/25 und dem Löschgruppenfahrzeug LF8 unter Leitung des Gesamtkommandanten Heinrich Bangert im Einsatz. Zu diesem Zeitpunkt drang Brandrauch aus dem Dachbereich an der barocken Stirnseite. Sofort wurde die für diesen Landkreis-Bereich zuständige und zur Verfügung stehende Drehleiter DLK 23/12 der Freiwilligen Feuerwehr aus Buchen alarmiert. Wenig später wurde zur zusätzlichen Verstärkung noch die Drehleiter DLK 23/12 und ein weiteres Tanklöschfahrzeug TLF 16/25 von der Freiwilligen Feuerwehr Mosbach nachgefordert. Die Wasserversorgung wurde aus zwei Überflur- und zwei weiteren Unterflurhydranten sichergestellt, dem Wassermeister wurde die sofortige Öffnung aller Einspeisungen angeordnet. In der Kirche wurde unterdessen versucht, durch die Mithilfe von Limbacher Bürgern, sowie Pfarrer Karl Michael Klotz und Bürgermeister Bruno Stipp noch wertvolle sakrale Gegenstände zu retten. Die meisten Figuren und Bilder waren jedoch aus Diebstahlgründen mit einem Labyrinthverschluss gesichert und konnten somit nicht aus der Kirche gerettet werden. Um 13.10 Uhr schlugen dann am oberen Drittel des Daches Flammen heraus; um 13.15 Uhr traf die Freiwillige Feuerwehr Buchen mit ihrer Drehleiter DLK23/12 an der Einsatzstelle ein und versuchte das Fahrzeug zur Brandbekämpfung im Dachbereich in Stellung zu bringen. Da an der Kirche umfassende Renovierungsarbeiten durchgeführt wurden, war der leitende Architekt Bertold Nohe, der auch die Dachkonstruktion kannte, glücklicherweise sehr schnell am Einsatzort. Wohlwissend um die Gefahren beim Brand eines Stahldachgerüstes ließ er in enger Zusammenarbeit mit der Einsatzleitung die Kirche räumen, was sich Minuten später als lebensrettende Maßnahme herausstellen sollte. Die Einsatzleitung setzte sich aus einem Koordinationsteam zusammen, dem der örtliche Kommandant Heinrich Bangert, Kreisbrandmeister Rainer Dietz, stellvertretender Kreisbrandmeister Klaus Theobald, Architekt Bertold Nohe, Bürgermeister Bruno Stipp, Pfarrer Karl Michael Klotz, die Polizei und das Deutsche Rote Kreuz angehörten.

Flash-Over im Dachzwischenraum
Im Zwischenraum des Daches entwickelte sich mittlerweile eine gefährliche Situation: Nach Außen war das Dach nahezu luftdicht verschlossen, im Innenraum verhinderte die Holzdecke die Sicht auf das Brandgeschehen. Die Brandgase konnten den Zwischenraum somit nicht ausreichend verlassen und wurden in einer 'Glocke' festgehalten. Durch eine unzureichende Zufuhr von Sauerstoff wurden nicht vollständig verbrannte Gase freigesetzt die einen gelben Brandrauch erzeugten, Staub und Spinnenweben wirkten wie Brandbeschleuniger und gaben dem Feuer reichlich Nahrung. Im Inneren dieser 'Brandglocke' stiegen die Temperaturen auf über 700 C und es entstand eine gefährliche Konzentration an entzündlichen Brandgasen. Durch die hohen Temperaturen verlor das Stahlgerüst des Zeltdaches sofort an Festigkeit und begann sich am oberen Drittel nach unten zu neigen. Durch die enorme Durchbiegung hoben sich die Stahlträger des Daches an der Traufe um etwa einen halben Meter an wodurch sich den Einsatzkräften plötzlich ein Bild des Schreckens bot: 'Es schien als würde das Dach abheben', so ein Feuerwehrmann. Hinter der entstehenden Dachöffnung sahen die Einsatzkräfte plötzlich eine rot glühende 'Feuerglocke' die durch den Spalt an der Traufe nun eine Unmenge an Sauerstoff ansaugte und hierdurch ein lautes Pfeifen, wie das Geräusch eines riesigen Wasserkochers, entstand. Mit einem Schlag kam es zur Durchzündung und das Dach fiel um 13.20 Uhr, also gerade einmal 15 Minuten nach dem Eintreffen der Feuerwehr, in sich zusammen. Hierbei erlitt ein Feuerwehrmann auf der Drehleiter eine leichte Brandverletzung. Das eingestürzte Dach vernichtete durch sein enormes Hitzepotential nun auch schlagartig den bislang unversehrten Innenraum der Kirche. Fensterscheiben sind durch die plötzliche Hitzeentwicklung und die massive Zufuhr von Sauerstoff regelrecht geschmolzen, wodurch man Temperaturentwicklungen von 700 bis 1000 C annehmen kann.
Der Innenraum der Kirche verbrannte somit in kürzester Zeit und ließ nichts mehr von der ursprünglich so wertvollen barocken Einrichtung übrig. Von der Orgel und dem Chorgestühl ist nichts mehr übrig geblieben. Dieses grauenvolle Bild der Zerstörung ist gerade im ländlichen Raum eine Katastrophe für die Bürger, die hiermit einen wichtigen Teil ihres Lebens - den Mittelpunkt der Gemeinde - verloren haben.

Umliegende Häuser wurden evakuiert
Nun galt es den bislang unversehrten Glockenturm mit seinem Zwiebeldach zu schützen, weshalb die Drehleitern der Feuerwehren aus Buchen und Mosbach gemeinsam mit ihren Wenderohren versuchten den Turm zu retten. Aufgrund der unglaublichen Hitze verbrannte dennoch ein Teil des Turmdaches, der Glockenstuhl konnte jedoch erhalten bleiben. Durch einen Kurzschluss in der elektrischen Glockensteuerung fingen gegen 13.30 Uhr die Glocken plötzlich von selbst an zu läuten. Dieser Eindruck wird den Limbacher Bürgern wohl unvergessen bleiben - es schien als hätte die Kirche nochmals ihre letzten Kräfte gesammelt und würde nun den Geist aushauchen. Da nicht bekannt war ob der Glockenturm zu halten und die statische Sicherheit noch zu gewährleisten war, wurde durch die Einsatzleitung die Räumung der benachbarten Häuser angeordnet. Die Dachkonstruktion des Glockenturmes ist ohne Verankerungen aufgesetzt und hält somit nur durch das enorme Eigengewicht von 12 Tonnen. Wäre der Turm eingestürzt, hätte er mehrere Wohn- und Geschäftshäuser gefährdet, weshalb die Bewohner bis zur Freigabe durch einen Statiker für zwei Nächte evakuiert wurden. Im Innenraum der Kirche führten drei Lüftungsschächte zur Heizungsanlage. Kommandant Heinrich Bangert wusste um die Gefahren der bestehenden Heizöltanks und ließ den Innenraum deshalb nicht weiter mit Wasser fluten. Im Untergeschoss waren etwa 20 Tausend Liter Heizöl gelagert, das im Falle einer Aufschwemmung das Erdreich verschmutzt und die Bausubstanz beschädigt hätten; ein Abriss der Grundmauern wäre somit unumgänglich gewesen. Die Sicherung des freistehenden Giebels wurde dann gemeinsam durch die Drehleiter der Feuerwehr Buchen und mehreren ortsansässigen Handwerksbetrieben unter Leitung von Architekt Bertold Nohe durchgeführt.

Was soll in einer Kirche schon brennen ?
Die Gefahr beim Brand von Gebäuden mit Stahltragkonstruktionen ist den Feuerwehren hinreichend bekannt. Holz bietet beim Brand wesentlich bessere Trageigenschaften, denn eine akute Einsturzgefahr ist erst bei 50 Prozent Abbrand des Querschnittes eines Holzbalkens gegeben, wobei Stahl bei Temperaturen von 500 C bereits 50 Prozent seiner Festigkeit verloren hat. Was passiert aber wenn man die Gefahr durch eine Stahlkonstruktion aufgrund einer abgehängten Zwischendecke aus Holz nicht erkennen kann ? Ist die Einsatzleitung stets über die Bausubstanz solcher Gebäude informiert ? Hätte die Einsatzleitung vor Ort die Gefahren nicht sofort erkannt, wären sicherlich mehrere Menschenleben zu beklagen gewesen. Der Brand hat auch weiterhin gezeigt, welche potentielle Brandgefahren in einer Kirche herrschen. Viele stellten sich sicher bislang die Frage: 'Was soll denn in einer Kirche schon brennen ?'. Auch hier hat der Brand gezeigt, dass es sich lohnt auch in Kirchen über Brandschutz und Sicherheit nachzudenken, denn auch alte elektrische Leitungen stellen ein akutes Gefahrenpotential dar - Brandnahrung gibt es reichlich.

Einsatzchronologie

12.56 Uhr Alarmierung der Freiwilligen Feuerwehr Limbach durch die Rettungsleitstelle in Mosbach über digitale Funkmeldeempfänger
13.02 Uhr Feuerwehr Limbach ist mit Tanklöschfahrzeug TLF16/25 und Löschgruppenfahrzeug LF8 an der Einsatzstelle, es dringt Rauch aus dem oberen Drittel des Zeltdaches im Bereich der barocken Stirnseite. Zeitgleich wird die Drehleiter DLK 23/12 der Freiwilligen Feuerwehr Buchen alarmiert.
13.05 Uhr Das Deutsche Rote Kreuz ist mit 10 Personen im Einsatz (RTW Mosbach; NEF Mosbach; SEG Limbach)
13.10 Uhr Flammen schlagen aus dem oberen Drittel des Zeltdaches
13.15 Uhr Feuerwehr Buchen mit Drehleiter DLK 23/12, ELW1 und KdoW an der Einsatzstelle
13.16 Uhr Die Einsatzleitung räumt die Kirche aufgrund der gefährlichen Stahlbauweise des Daches
13.18 Uhr Alarmierung der Freiwilligen Feuerwehr Mosbach mit einer weiteren Drehleiter DLK 23/12 und einem Tanklöschfahrzeug TLF 16/25
13.20 Uhr Das Stahldach senkt sich an der Spitze und hebt sich an der Traufe um einen halben Meter an. Sauerstoff wird in Unmengen von dem im entstandenen Spalt liegenden Feuer angesogen wonach es zur Durchzündung kommt. Das Dach stürzt schlagartig in sich zusammen
13.27 Uhr Kreisbrandmeister Rainer Dietz trifft an der Einsatzstelle ein
13.30 Uhr Feuerwehr Mosbach mit Drehleiter DLK 23/12 und Tanklöschfahrzeug TLF 16/25 an der Einsatzstelle
13.32 Uhr Es wird versucht mit beiden Drehleitern den Glockenturm zu schützen. Dabei befinden sich 2 B- und 2-C-Leitungen sowie 2 Wenderohre im Löscheinsatz (Wasserverbrauch circa 2000 Liter pro Minute). Dem Wassermeister wurde angeordnet alle Einspeisungen zu öffnen.
14.30 Uhr Evakuierung der umliegenden Anwohner aufgrund der Einsturzgefahr des Glockenturmes